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85 Jahre Jahnstadion

So sehr sich die große Mehrheit der Jahn-Anhänger auch auf das neue Fußballstadion für Regensburg und die Region freut und von dessen Notwendigkeit für eine optimale Weiterentwicklung der Rot-Weißen überzeugt ist, so sehr hängt doch das Herz am „alten“ Jahnstadion. Das dokumentierten die Fans auch 2011 mit ihrer Choreografie zum 85. Jubiläum des Stadions an der Prüfeningerstraße.
Auf einem 10x3 Meter messenden Banner mit der Aufschrift „85 Jahre Jahnstadion“ erinnerten die Anhänger auf der Gegengeraden unter dem „Turm“ beim Drittliga-Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt an den denkwürdigen 19. September 1926, als die Jahn-Kicker das Jahn-Stadion an der Prüfeningerstraße bezogen. Nach Wanderjahren mit den Stationen Stadtpark, Sportplatz Dechbettener Straße, Oberer Wöhrd und Sportplatz Oberrealschule (heute Goethe-Gymnasium) hatten die Jahn-Fußballer endlich eine neue Heimat gefunden. Man pachtete ein Gelände an der Prüfeningerstraße (damals im Randgebiet der Stadt) und kultivierte ein paar Wiesen zu einem Hauptspielfeld und mehreren Trainingsplätzen. Von einem Stadion konnte seinerzeit also noch nicht die Rede sein, es handelte sich eigentlich mehr um einen befestigten Sportplatz. Trotzdem feierte der Jahn bereits in den ersten Jahren nach der feierlichen Einweihung Erfolge. So stiegen die „Rothosen“ – seit 1924 im Sportbund Jahn organisiert – in dieser Zeit in die höchste Spielklasse auf und spielten mit Hans Jakob in der damaligen Bezirksliga teilweise bereits vor 4000 Zuschauern gegen Vereine wie Bayern und 1860 München um Punkte. Der legendäre Torwart bestritt übrigens auch sein erstes Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft noch bevor aus dem „Jahnplatz“ ein echtes Stadion geworden war!

Dies geschah zumindest in Ansätzen fünf Jahre nach der Befestigung des Geländes, als die Jahn-Tribüne ihrer Bestimmung übergeben wurde. Unter der Leitung von Dipl.-Ing. Richard Heider brachte der so genannte „Tribünenbau-Verein“ das Kunststück fertig, in weniger als zehn Monaten eine der seinerzeit modernsten Stadiontribünen zu errichten – und das, obwohl der Sportbund Jahn schon damals nicht auf Rosen gebettet war und ganz allgemein in jenen Jahren eine schwere Wirtschaftskrise herrschte! Der Tribünenbau konnte letztlich nur realisiert werden, weil dem Verein dennoch viele Geschäftsleute aus der Region finanziell oder durch Sachspenden unter die Arme griffen und die ganze Jahn-Familie hinter dem Projekt stand. Nachdem auch das Stadtbauamt grünes Licht gegeben hatte, konnten am 15. April 1931 endlich die Arbeiten beginnen. Vier Monate später stand die in rot-weißen Farben gehaltene Tribüne, die weit mehr als nur überdachte Sitzplätze, sondern als eine der ersten solcher Bauten in Deutschland gleichzeitig einen Funktionstrakt bot. Im Grunde ist die Raumaufteilung und -bestimmung der Jahntribüne noch heute so wie vor 80 Jahren. Lediglich die künstlerische Ausgestaltung der Gaststätten-Innenräume durch den bekannten Regensburger Maler Otto Zacharias ist leider nicht mehr zu finden. Da traf man „an den Wänden die gesamte Prominenz der Ausschüsse des Sportbunds Jahn und selbstverständlich des aktiven Sports: „Fußball und Leichtathletik“, berichtete der Regensburger Anzeiger anlässlich der Einweihungsfeierlichkeiten am 5. und 6. September 1931. Abgesehen von einer Erweiterung im Rahmen des großen Stadionumbaus (nach dem Erwerb des Geländes durch den Verein im Jahre 1949) kann die Jahn-Tribüne auch heute noch nahezu im Originalzustand besichtigt werden.

Nach der wohl umfangreichsten Erweiterung und Sanierung in der Geschichte des Stadions unter dem damaligen Jahn-Präsidenten und Regensburger Oberbürgermeister Georg Zitzler folgten im August 1949 über 22 000 Zuschauer der Einladung zur Stadion-Neueröffnung gegen den Schweizer Proficlub FC Grenchen. Passend dazu hatten die Jahner in diesem Jahr den lange ersehnten Aufstieg in die Oberliga Süd geschafft. In der damaligen höchsten Spielklasse des deutschen Ligasystems wurde im Februar 1950 auch der Allzeit-Zuschauerrekord bei einem Fußballspiel in Regensburg aufgestellt: 30 000 Anhänger bevölkerten gegen Mitaufsteiger SpVgg Fürth die Ränge des Jahnstadions! Auch der beste jemals in Regensburg erzielte Zuschauerschnitt wurde seinerzeit mit fast 17 000 aufgestellt.
Selbst in späteren Jahren war das Jahnstadion oft noch ein Zuschauermagnet – wenn die Mannschaft erfolgreich spielte auch in unteren Spielklassen. So stellte man im Dezember 1966 im Spitzenspiel der Bayernliga gegen die SpVgg Weiden mit 22 000 Schlachtenbummlern aus beiden Lagern einen lange Zeit gültigen deutschlandweiten Rekord für Amateurspiele auf. Übertroffen wurde diese Zahl, als es Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre immer wieder zu Aufeinandertreffen mit dem 1.FC Nürnberg im Jahnstadion kam. Mit 25 000 Zuschauern platzte das Stadion damals aus allen Nähten. Durch den Verkauf der Nebenplätze und Umbauten im Stadion war das Fassungsvermögen inzwischen zurückgegangen.

Dass die Menschen in Regensburg und ganz Ostbayern ein Fußball verrücktes Völkchen sind, blieb auch den Verantwortlichen des Olympischen Komitees nicht verborgen und so wurde das Jahnstadion im November 1971, also vor 40 Jahren, zum offiziellen Austragungsort von Fußballspielen der Olympischen Spiele bestimmt. Zwischen dem 28. August und dem 8. September 1972 gaben dann u.a. der amtierende Olympia-Sieger Ungarn, der spätere Turniersieger Polen sowie die Teams aus der damaligen UdSSR und Brasilien ihre Visitenkarte ab. Das Interesse des heimischen Publikums hielt sich trotz teilweise schillernder Namen jedoch in Grenzen und der Zuschauerschnitt blieb – anders als dies wohl heute in unserer „Eventgesellschaft“ der Fall wäre – unter der des SSV Jahn in der damaligen zweitklassigen Regionalliga.

Aber auch der SSV Jahn sollte wenige Jahre später mehr und mehr Probleme bekommen, die Leute ins Stadion zu ziehen. 1980, der SSV hatte inzwischen eine wirtschaftliche Krise (die zum Verkauf des Jahnstadions für 1,5 Millionen DM an die Stadt führte) und eine bemerkenswerte sportliche Talfahrt bis in die Landesliga hinter sich, fanden Heimspiele der Rot-Weißen nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nach für damalige Jahn-Verhältnisse relativ langer Durststrecke (zur Erinnerung: bis 1977 spielte man immerhin in der 2. Bundesliga) sorgte der Aufstieg des SSV Jahn 1983 in die Bayernliga wieder zu wahren Fußballfesten im Jahnstadion. Das Drittliga-Punktspiel des Aufsteigers gegen die SpVgg Bayreuth wollten damals 11 000, das ewig junge Duell mit 1860 München sogar 14 000 Fußballanhänger sehen! Ließ der Erfolg nach, sanken die Zuschauerzahlen immer schneller und nachhaltiger in den darauffolgenden Jahren. Erst mit dem Durchmarsch aus der fünftklassigen Landesliga in die damals neu gegründete Regionalliga entdeckten die Regensburger wieder zu Tausenden „ihren“ Jahn. Natürlich auch nach dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga im Jahr 2003, als gegen Greuther Fürth und den 1.FC Nürnberg jeweils „ausverkauft“ gemeldet werden konnte. Dies ist nach diversen Sicherheits- und Sanierungsumbauten heute jedoch schon bei 11 800 Zuschauern erreicht.

Am nachhaltigsten hat sich das Erscheinungsbild des Jahnstadions in den letzten Jahren durch die Errichtung der Jahn-Geschäftsstelle über der Gästekurve und den Ersatz der historischen Holzbänke auf der Jahn-Tribüne durch rot-weiße Schalensitze verändert. Mangelhafte sanitäre Anlagen, fehlende Überdachung der Stehbereiche und eingeschränkte Vermarktungsmöglichkeiten durch fehlenden Platz für Logen und Business-Sitze haben in den letzten Jahren jedoch mehr und mehr die Überzeugung wachsen lassen, dass das Jahnstadion den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht mehr genügt. So begann mit der Entscheidung des Regensburger Stadtrats, definitiv ein neues Fußballstadion im Süden der Stadt errichten zu wollen, im Sommer 2011 der langsame Abschied vom Jahnstadion. Doch bis es wirklich so weit ist, könnte das Stadion an der Prüfeningerstraße bei der aktuellen Form der Jahn-Profis durchaus noch den ein oder anderen sportlichen Höhepunkt erleben... Dr. Otto