Der Schritt vom Talent zum Profi ist vor allem eines: harte Arbeit. Am Kaulbachweg steht deshalb das ehrliche Handwerk im Mittelpunkt. Der SSV Jahn vertraut auf seine regionalen Wurzeln und die Gewissheit, dass echte fußballerische und charakterliche Reife ihre Zeit braucht. Im großen Saisonrückblick nimmt uns LZ-Leiter Christian Martin mit in den Ausbildungsalltag. Ein Gespräch über den täglichen Spagat zwischen Tabellendruck und Talentförderung, den Wert von Rückschlägen und die Frage, warum am Kaulbachweg die Mentalität genauso wichtig ist wie der perfekte Pass.
Jahnzeit: Christian, wenn ein Eigengewächs wie Jakob Seibold oder Arian Dizdarevic im Jahnstadion Regensburg aufläuft, spricht man oft von der großen Talente-Euphorie. Im Sommer hast du als Leitsatz „Wir glauben an dich“ und die absolute Notwendigkeit von Geduld beschworen. Was löst so ein Moment der Einwechslung ganz real im Alltag bei den Trainern am Kaulbachweg aus?
Christian Martin: Das ist natürlich ein Moment der Freude. Da schaut jeder Trainer im Nachwuchs genau hin und ist unfassbar stolz. Bei den beiden war es sogar so, dass sie verletzungsbedingt gar nicht früher debütieren konnten. Hätten sie diese Rückschläge nicht gehabt, wären vermutlich noch mehr Einsätze dazugekommen. Wenn wir die letzten fünf Jahre betrachten, haben nahezu 20 Spieler aus unserem Nachwuchs im Profibereich debütiert. Das zeigt quantitativ, dass wir auf einem sehr guten Weg sind. Aber das Debüt ist nur der erste Schritt. Jetzt geht es darum, dass sich Jungs wie Jakob, Ari oder auch ein Ben Kiefer nachhaltig etablieren. Und die nächsten Talente stehen schon wieder in den Startlöchern.
Lass uns an der Basis anfangen, im Entwicklungsbereich der U11 bis U14. Für diese Altersklasse ist die Herangehensweise ausgegeben, durch maximal drei Einheiten pro Woche terminliche Freiheiten zu lassen, im Training aber extrem individuell zu arbeiten. Woran machst du am Ende so einer Saison objektiv fest, ob ein U13-Spieler durch diese Maßnahmen den erhofften sportlichen und kognitiven Schritt wirklich gemacht hat – wenn man die Tabelle ausklammert?
Fußballerische Aktionen lassen sich im Grunde immer in drei Phasen unterteilen: Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und Umsetzung. Sehe ich, wo der Ball herkommt? Erkenne ich, ob der Gegenspieler in meinem Rücken lauert? Kann ich den Ball mit dem ersten Kontakt so mitnehmen, dass ich mir einen Vorteil verschaffe? Das ist in reinen Statistiken wahnsinnig schwer zu messen. Das wichtigste Messinstrument bleibt hier das Trainer-Auge und das eigene Gefühl des Spielers. Wenn ein 13-Jähriger in der Kommunikation mit dem Trainer selbst merkt, dass sein Passspiel schärfer wird, er bessere Lösungen im Spielfluss findet und eine höhere Erfolgsquote in seinen Aktionen hat, dann haben wir eine positive Entwicklung.
Ab der U15 erhöht sich das Pensum auf vier Einheiten, viele ziehen ins PINDL-Internat und die Jungs spüren erstmals echten Tabellendruck. Die Prämisse lautete oft: Wir wollen uns von den Ergebnissen lösen. Wie schwer fällt es in der Praxis, diesen Ausbildungsgedanken durchzuziehen, wenn pragmatisch einfach Punkte für den Klassenerhalt gebraucht werden?
Das ist die Kernfrage, die sich jeder Jugendtrainer stellen muss: Bin ich in erster Linie Mannschafts- oder Individualtrainer? Die Antwort lautet: Du musst beides sein. Eine gute Lernatmosphäre in einer funktionierenden Mannschaft unterstützt die individuelle Entwicklung enorm. Aber wir sind im Leistungssport, es geht beim Fußball darum, ein Tor mehr zu schießen als der Gegner. Das Ergebnis interessiert jeden, vor allem die Spieler. Wir dürfen nur unsere strategischen Entscheidungen, wie wir einen Kader planen oder wie lange wir an einem Spieler festhalten, nicht davon abhängig machen, ob uns dieser Junge am Wochenende den Sieg garantiert. Es geht um das langfristige Potenzial. Was mir aber wichtig ist: Die individuelle Entwicklung darf niemals als Alibi herhalten, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Stehst du am Wochenende auf dem Platz, willst du das Spiel gewinnen.
Die U15 und U16 sind in stark umkämpften Ligen unterwegs. Wie fällt deine sportliche Bilanz für diese beiden Mannschaften nach dem Jahr aus?
Grundsätzlich ziehen wir ein sehr positives Fazit. Beide Trainerteams haben akribisch gearbeitet. Wenn wir auf die U16 schauen, haben die Jungs in der Vorrunde vielleicht noch etwas Lehrgeld bezahlt und hier und da die letzte Cleverness vermissen lassen. Daraus haben sie aber Lerneffekte gezogen und sich stabilisiert. Hinten raus haben wir dann ein wenig abreißen lassen, was aber auch daran lag, dass wir absolute Leistungsträger dieses Jahrgangs frühzeitig in die U17 hochgezogen haben. Tabellarisch wäre sicher mehr drin gewesen, aber das ist für uns eben nicht der alleinige Maßstab. Bei der U15 gab es eine größere Diskrepanz: Einer sehr starken Vorrunde stand eine kompliziertere Rückrunde gegenüber. Auch hier haben Verletzungen und das vorzeitige Hochschieben von Talenten eine Rolle gespielt. Zum Schluss haben sich die Jungs aber wieder deutlich gefangen. Unterm Strich bin ich mit der Entwicklung in diesem Bereich sehr zufrieden.
Bei der U17 sehen wir einen spielerisch sehr vielversprechenden Jahrgang. Was die Jungs auch in der Hauptrunde mit dem 1. Platz in ihrer Gruppe sportlich bestätigt haben. Am Ende wurde die Qualifikation für die A-Runde um die Deutsche Meisterschaft nur hauchdünn verpasst. Wie erdet man Talente in diesem Alter, damit sie sich auf einem guten Jahr nicht ausruhen?
Das müssen wir gar nicht groß erklären, das regelt die Realität ganz von allein. Der Sprung in die U19 stellt alles sofort wieder klar. Da wird der Fußball plötzlich viel physischer, du bist auf einmal wieder der jüngere Jahrgang und musst dich körperlich völlig neu behaupten. Grundsätzlich war es eine sehr positive Saison der U17 unter Lukas Baumer und Daniele Luggisi. Es war schmerzhaft, dass wir die A-Runde verpasst haben, denn in diesem Jahrgang wäre sogar in der K.o.-Phase im Rennen um die Deutsche Meisterschaft noch einiges möglich gewesen.
"Die individuelle Entwicklung darf niemals als Alibi herhalten, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. Stehst du am Wochenende auf dem Platz, willst du das Spiel gewinnen."
Ein Kontrast dazu war eben jene U19, die letztlich ein tabellarisch sehr schwieriges Jahr hinter sich hat. Wenn du die Spiele rein sportlich analysierst: Woran hat es auf dem Rasen primär gehakt? Fehlte uns die Durchschlagskraft, die Kompaktheit oder war es auch ein Kopfproblem?
Wir können mit dem letzten Platz in der B-Gruppe absolut nicht zufrieden sein. Wir haben in Einzelspielen gezeigt, dass wir Gegner wie Frankfurt oder Freiburg schlagen können. Wir sind also nicht weit entfernt. Aber uns hat die Konstanz komplett gefehlt. Man muss dazu die Rahmenbedingungen sehen: In der U19 kommen erstmals zwei Jahrgänge zusammen. Dazu ziehen wir unsere absoluten Top-Talente wie Ben Kiefer, der eigentlich noch U19 spielen könnte, früh in die U21 oder zu den Profis hoch. Dann fehlt uns in der Breite einfach ein Stück weit die Tiefe und Qualität. Andere NLZs reagieren darauf, indem sie Spieler von extern dazuholen, die woanders durchs Raster gefallen sind. Das ist nicht unser Weg. Wir setzen ganz bewusst auf unsere ostbayerischen Jungs, auch wenn wir dafür vielleicht in der einen oder anderen Situation sportlich Lehrgeld zahlen.
Genau in solchen Phasen steigt der Druck auf die Jungs enorm. Du hast im Sommer die Vergrößerung eures sportpsychologischen Teams um Antonie Höldrich, Fabian Daiß und Björn Zempelin und auch die akribische Arbeit vom Team Leistung um Pepe Warminski und Kevin Faust gelobt. Wie essenziell ist dieses Team im Hintergrund, um Talente durch so eine sportliche Negativspirale zu begleiten?
Das ist der Bereich, in dem wir auf gar keinen Fall sparen dürfen. Physis und Psyche sind die ultimativen Faktoren im modernen Fußball. Wir legen hier die Grundlage, um die Jungs auf all das vorzubereiten, was im Herrenbereich auf sie einprasselt. Dass wir uns hier mit Antonie, Björn, Fabi sowie Pepe und Kevin im Leistungsbereich so stark und leidenschaftlich aufgestellt haben, ist ein riesiger Erfolgsfaktor der letzten Jahre. Das ist echtes Teamwork und das Herzstück unserer Individualisierung.
Die U21 ist unsere Brücke in den Profifußball. Dort gab es diese Saison nach einem natürlichen personellen Umbruch im Sommer einen umkämpften Klassenerhalt. Wie hast du die Widerstandsfähigkeit der Truppe in dieser Phase erlebt?
Um ehrlich zu sein: Mit dem reinen Tabellenplatz können wir nicht zufrieden sein. Ich bin zu einhundert Prozent davon überzeugt, dass wir das Potenzial für die Top 4 der Bayernliga hatten. Aber uns haben viele Ausfälle von Leistungsträgern hart getroffen. Was jedoch stark war: Wie die Mannschaft und vor allem Trainer Christoph Jank in der entscheidenden Phase, als der Druck am größten war, komplett ruhig geblieben sind. Das ist für die Entwicklung der Jungs unfassbar wertvoll, auch wenn wir solche Zitterpartien nicht jedes Jahr brauchen.
Mit dem Klassenerhalt ging bei der U21 auch das Ende der Ära von Christoph Jank einher. Zudem verlassen Jungs, die lange in der Jahnschmiede waren, den Verein. Was sollen diese Spieler abseits der fußballerischen Ausbildung aus ihrer Zeit in der Jahnschmiede mitnehmen?
Ich bin kein Fan dieser offiziellen Verabschiedungen, auch wenn sie dazugehören. Der Name U21 sagt es ja bereits: Diese Zeit ist endlich. Wenn ein Spieler wie Kelvin Onuigwe nach schwierigen Leihen zu uns zurückkehrt, sich stabilisiert und nun zu einem Regionalligisten wechselt oder ein Jo Rehwald sich zu einem herausragenden Spieler in der Liga entwickelt, ist das ein großer Erfolg unserer Ausbildung. Wir prägen diese Jungs durch unser tägliches Miteinander, durch unsere Werte. Wenn sie hier nicht nur als gute Fußballer, sondern als charakterstarke, gestandene Männer rausgehen, die im Leben ihren Weg machen, haben wir unseren Beitrag geleistet und den Job erfüllt.
Im Sommer übernehmen nun Lukas Baumer und Co-Trainer Daniele Luggisi die U21. Welche strategische Botschaft sendet diese interne Trainer-Rochade an das gesamte Leistungszentrum?
Die Botschaft ist glasklar: Hohes Engagement, Identifikation und harte Arbeit zahlen sich beim SSV Jahn aus. Das gilt für Spieler genauso wie für Trainer und Mitarbeiter. Wir wollen diesen Weg fördern und belohnen.
















































































































































































