Es gibt diese Spieler, die sinnbildlich für den Weg eines Vereins stehen. Leopold „Poldi“ Wurm ist so einer. Mit 19 Jahren hat der gebürtige Regensburger bereits mehr erlebt, als manch anderer in einer gesamten Karriere: Den Aufstieg aus dem eigenen Nachwuchs, das Debüt in der 2. Bundesliga, eine kräftezehrende Europameisterschaft mit der U19-Nationalmannschaft und den aktuellen, anspruchsvollen Alltag in der 3. Liga. Wir treffen den Innenverteidiger zum ausführlichen Gespräch. Eine Unterhaltung über die Wurzeln am Weinweg, die hohen Anforderungen an einen modernen Abwehrspieler, die Verantwortung im Mannschaftsrat und die Frage, warum er manchmal – ganz kurz – gerne ein Flügelspieler wäre.
Poldi, wenn man einen Spieler interviewt, der in seiner Heimatstadt Profi geworden ist, drängt sich die Frage nach den allerersten Erinnerungen auf. Wenn du die Augen schließt und an deine ersten Berührungspunkte mit dem SSV Jahn denkst – welches Bild entsteht da in deinem Kopf?
Leopold Wurm: Das ist tatsächlich eine sehr konkrete Erinnerung an mein erstes Sichtungstraining. Ich war damals acht oder neun Jahre alt. Wir waren am Weinweg und der Platz dort war damals noch keine perfekt gepflegte Wiese, wie man sie heute oft sieht. Das war eher eine wilde Mischung aus Steinen, Erde und ein bisschen Rasen. Ich weiß noch genau, wie ich kurz vor dem eigentlichen Trainingsbeginn mit meinen späteren Mitspielern in der Jahnschmiede, Noah Rettich und Paul Schmid, auf ein Tor gespielt habe. Das war eine Art Ausscheidungsspiel, einfach zum Warmwerden. Das Besondere daran: Es war das allererste Aufeinandertreffen von uns dreien, und wir haben uns auf dem Platz sofort blind verstanden.
Dein Vater war nicht nur dein erster Förderer, sondern beim TSV Oberisling auch dein erster Trainer. Oft ist diese Konstellation für beide Seiten nicht ganz einfach. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung?
Er war schon sehr fordernd, aber auch sehr lehrreich. Ich glaube, ich bin damals auch ziemlich oft sauer auf ihn geworden, egal was er gemacht hat (lacht). Es war sicherlich ein passender Zeitpunkt, dass ich dann mit acht Jahren zum Jahn gewechselt bin. Lange wäre diese Konstellation als Trainer und Sohn nicht mehr so gut gegangen (lacht). Aber wir waren damals auch erfolgreich, sind in der F-Jugend Meister geworden. Er hatte ein paar eiserne Prinzipien, die mich auch geprägt haben. Ein Satz, der mir bis heute im Ohr geblieben ist, war: „Niemals nach hinten spielen!“ Und am besten auch nicht in die Mitte. Heute trainiert er meinen kleinen Bruder in Donaustauf. Da kann ich das Ganze mit etwas mehr Abstand betrachten. Er gibt sich große Mühe und hat ja bei mir offensichtlich auch nicht alles verkehrt gemacht (schmunzelt).
Warst du eigentlich schon immer der klassische Innenverteidiger?
Überhaupt nicht. Bei meinen ganz frühen Stationen war ich eher der Typ, der sich dort aufgehalten hat, wo der Ball war, und dann versucht hat, Tore zu schießen. Als ich zum Jahn kam, wurde ich dann aber relativ zügig in die Defensive beordert. Es gab allerdings eine kurze Phase in der U10, in der mich die Trainer wieder in den Sturm gestellt haben.
Aus welchem Grund?
Die Überlegung war, dass ich durch das Spielen im Sturm gezwungen werde, mehr zu sprinten und dadurch insgesamt schneller zu werden. Ich hatte damals schon ziemlich lange Beine und war in den Bewegungen noch etwas schwerfällig. Das Experiment wurde dann aber doch recht schnell wieder beendet und seitdem bin ich meinem Platz in der Innenverteidigung treu geblieben. Meine Schnelligkeit hat sich über die Jahre glücklicherweise trotzdem ganz gut entwickelt.
Wer waren in dieser Findungsphase auf dem Weg zum Innenverteidiger deine Vorbilder?
Die Fußballweltmeisterschaft 2014 war für mich das erste Turnier, das ich ganz bewusst wahrgenommen habe. Ich war damals Bayern-Fan, also waren Spieler wie Manuel Neuer, Thomas Müller und Bastian Schweinsteiger sehr präsent. Als ich mich dann auf der Innenverteidiger-Position festgespielt hatte, habe ich mich an Spielern wie Mats Hummels oder Sergio Ramos orientiert. Letzterer war mit seinen drei Champions-League-Titeln in Folge damals das Maß der Dinge. Später kam dann auch Virgil van Dijk dazu. Abseits der eigenen Position fand ich immer die Mentalität von Cristiano Ronaldo bemerkenswert, er hat gezeigt, wie man durch harte Arbeit viel erreichen kann.
Eine deiner Stärken ist die Beidfüßigkeit im Spielaufbau. Wie hast du dir diese erarbeitet?
Das war eine Entwicklung aus der Not heraus. Wir hatten in der Jugend oft keinen klassischen Linksfuß in der Mannschaft. Da ich von den Rechtsfüßen den stärksten linken Fuß hatte, wurde ich permanent als linker Innenverteidiger aufgestellt. Über die Jahre habe ich mir so eine große Sicherheit mit dem schwächeren Fuß angeeignet, was mir heute im Profibereich enorm zugutekommt. Zudem würde ich sagen, dass mein Spielverständnis immer recht ausgeprägt war.
Das Spielverständnis ist in der modernen taktischen Ausrichtung besonders wichtig. Euer aktueller Trainer fordert eine aktive Spieleröffnung. Wie gefällt dir diese Rolle?
Mir macht das großen Spaß. Es ist typisch für den Jahn, dass wir auf dem Platz nicht in Schönheit sterben wollen, aber unter dem aktuellen Trainerteam wollen wir schon mutigen Fußball spielen und fußballerische Lösungen finden. Natürlich hängt das immer davon ab, was der Gegner uns anbietet. Wenn wir nicht hoch angelaufen werden, haben wir Zeit, das Spiel ruhig von hinten aufzubauen. Wenn der Gegner hoch presst, ist auch ein gezielter langer Ball in die Tiefe ein legitimes und gutes Mittel. Ich denke, das Trainerteam traut mir diese Variabilität zu und ich habe den Ball deutlich lieber selbst am Fuß, als nur hinterherzulaufen.
Eine weitere Anforderung an moderne Abwehrspieler ist die Restverteidigung bei hohem eigenem Pressing. Was ist für dich anspruchsvoller: Ein direktes Laufduell gegen einen schnellen Stürmer oder das exakte Timing beim Rausrücken aus der Kette?
Das Rausverteidigen wurde mir über die gesamte Jugendzeit sehr intensiv beigebracht. Da habe ich ein gutes Timing entwickelt. Es geht darum, nicht zu früh den Raum im Rücken freizugeben, sondern im exakt richtigen Moment da zu sein, wenn der Pass gespielt wird. Anspruchsvoller finde ich persönlich die direkten Laufduelle, besonders gegen kleinere, sehr quirlige Flügelspieler, die schnelle Haken schlagen. Gegen physisch starke Wandstürmer spiele ich fast lieber. Da kann man den Kontakt aufnehmen und muss nicht ständig auf den Zehenspitzen kleine, schnelle Schritte mitgehen. Da kommt mir meine eigene Körpergröße entgegen.
Der Sommer 2023 markierte einen Meilenstein in der strategischen Ausrichtung des SSV Jahn: Gleich fünf Talente aus der eigenen Jugend wurden mit Profiverträgen ausgestattet. Für Leopold Wurm bedeutete dieser Schritt jedoch einen enormen Spagat. Während sich seine gleichaltrigen Mitschüler auf das Abitur vorbereiteten, musste er die physische und mentale Wucht des Männerfußballs adaptieren.
Jahnzeit: Du gehörtest zu den Nachwuchsspielern, die 2023 den Sprung in den Profikader gemacht haben. Wie erinnerst du dich an deine erste Trainingswoche bei den Senioren?
Leopold Wurm: Es war eine enorme Umstellung. Das Tempo war höher, aber vor allem die physische Komponente war eine völlig andere. Da gab es Momente, in denen beispielsweise ein Rasim Bulic in den Zweikämpfen mit einer Körperlichkeit agiert hat, die man aus dem Jugendbereich einfach nicht kennt. Da weiß man sofort: Okay, das ist jetzt Männerfußball. Aber ich habe auch schnell gemerkt: Wenn ich hochkonzentriert bin und technisch sauber arbeite, kann ich das Tempo gedanklich gut mitgehen. Ich hatte früh das Gefühl, dass ich auf diesem Niveau bestehen kann.
Wenn du einem 14-jährigen Talent in der Jahnschmiede heute einen Ratschlag geben dürftest – wie würde der lauten?
Ich würde ihm sagen, dass er sich niemals auf dem ausruhen darf, was er bisher erreicht hat. Man muss immer offen dafür sein, von anderen zu lernen und sich stetig weiterzuentwickeln. Die wichtigste Eigenschaft ist harte Arbeit. Die Bedingungen in der Jahnschmiede sind heute hervorragend. Man hat dort ein familiäres Umfeld und bekommt eine super Ausbildung. Wenn man dann noch die nötige Mentalität und natürlich auch das Quäntchen Glück mitbringt, hat man hier alle Möglichkeiten, den Sprung zu den Profis zu schaffen.
Poldi, wir haben uns nun intensiv über deinen bisherigen Karriereweg unterhalten. Von den Steinen am Weinweg bis ins DFB-Trikot und den Abstiegskampf der 3. Liga. Wenn du die redaktionelle Freiheit hättest, diesem Interview selbst eine Überschrift zu geben – wie würde sie lauten?
(überlegt lange und lacht dann leicht) Ich bin bei solchen Dingen wirklich nicht besonders kreativ. Ich glaube, die treffendste Überschrift für meine bisherige Geschichte wäre ganz bodenständig: „Der Traum eines Regensburger Talents“. Denn genau das ist es: Ein Traum, für den ich jeden Tag hart arbeite.
Die komplette Geschichte in der digitalen Jahnzeit
Wie Leopold Wurm diese anfängliche physische Wucht des Männerfußballs adaptierte und sich im gnadenlosen Abstiegskampf der 2. Bundesliga etablierte, ist nur der Beginn seiner rasanten Entwicklung.
Im kompletten Interview sprechen wir mit dem 19-jährigen Abwehrspieler über die taktischen und emotionalen Extreme der U19-Europameisterschaft in Rumänien, seine neue Rolle im Mannschaftsrat und die unberechenbare, hemdsärmelige Realität der 3. Liga. Außerdem verrät Poldi, warum ausgerechnet Darts sein Ventil für den ständigen Profidruck ist und welcher klare berufliche „Plan B“ parallel zum Fußball in seinem Kopf reift.
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