Er kennt das grelle Licht der Bundesliga, aber auch die dunklen Stunden in der Reha. Christian Kühlwetter (28) hat in seiner Karriere historische Aufstiege gefeiert, bittere Abstiege verarbeitet und nach einem Wadenbeinbruch schon früh um seine sportliche Existenz gebangt. Heute gehört er mit der Erfahrung aus 88 Zweitligaspielen zu den absoluten Routiniers beim SSV Jahn Regensburg. Im großen Jahnzeit-Titelinterview spricht der Kapitän erfrischend ehrlich über seinen Umgang mit Kritik, ehrliche Arbeiter auf dem Platz und die wichtigste Erkenntnis aus seiner Zeit unter Heidenheims Trainer Frank Schmidt.
Christian, lass uns über deine Rolle als Kapitän sprechen: Im Profifußball gibt es bei der Bestimmung des Amts meist zwei Herangehensweisen. Viele Trainer bevorzugen es, ihren verlängerten Arm selbst zu bestimmen, andere sagen, sie wollen den Spieler, den die Kabine wählt. Du wurdest im Sommer vom Trainerteam bestimmt. Macht das für das eigene Standing in der Mannschaft einen Unterschied, oder empfindet man das als ernannter Kapitän sogar als eine noch größere Ehre?
Christian Kühlwetter: Der Mannschaftsrat wurde bei uns ja aus der Mannschaft heraus zusammengestellt. Dass der Trainer dann anschließend bestimmt hat, dass ich Kapitän werde, ist für mich sogar noch einmal eine deutlich größere Ehre. Es war ein neuer Trainer, der kannte uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht so lange und hat letztlich mir das Vertrauen geschenkt. Es gab auch aus der Mannschaft heraus ein gutes Feedback. Es ist eine große Ehre, sowohl von der Mannschaft als auch vom Trainerteam die Unterstützung zu bekommen, dass man so eine wichtige Rolle übernehmen darf.
Dein persönlicher Saisonstart in der 3. Liga verlief allerdings äußerst unglücklich. Erst die Rote Karte gegen Duisburg, dann die Verletzung. War das vielleicht auch Ausdruck davon, dass du nach dem Abstieg als Führungsspieler unbedingt vorangehen und Dinge wieder gutmachen wolltest – eine Art Overpacing?
Das kann man bei der Roten Karte auf jeden Fall so sehen. Es war ganz sicher nicht meine Absicht. Natürlich lief es in dem Moment schlecht, und ich habe die Mannschaft mit dieser Aktion am Ende eher geschwächt, als dass ich ihr etwas Gutes gebracht hätte. Zu der Roten Karte kam dann leider direkt noch die lange Ausfallzeit mit der Knieverletzung dazu. Das war absolut nicht die Vorstellung, wie ich mir den Saisonstart erhofft hatte – sowohl persönlich als auch für die Mannschaft.
Wie schwer ist in so einer verletzungsbedingten Ausfallzeit diese sportliche Isolation? Die Mannschaft trainiert draußen, fährt zu Auswärtsspielen, und man selbst ackert in der Reha. Wie behält man da als Kapitän die Bindung zum Team?
Ich habe die Reha zum Glück hier in Regensburg gemacht. Ich habe die Spiele im Stadion oder am Fernseher verfolgt, war bei den Videoanalysen dabei und habe einfach versucht, mit den Jungs zu reden und sie zu unterstützen. Bei schlechteren Spielen wollte ich natürlich besonders gerne auf dem Platz dabei sein. Es ist einfach sehr wichtig, dass man nicht komplett weg ist, sondern trotzdem bei der Mannschaft bleibt, damit man auch ein bisschen helfen kann, selbst wenn man nicht auf dem Rasen steht.
Als du wieder fit warst, hast du sportlich direkte Antworten auf dem Platz gegeben. Mit Toren gegen Ingolstadt, einem Doppelpack gegen Cottbus und dem wichtigen Treffer in Mannheim. Dein Torjubel in dieser Zeit wirkte emotional, fast wie ein bewusster Befreiungsschlag. An wen genau richtete sich dieses Zeichen?
In der Zeit war es schon hart. Ich hatte in den ersten zwei Spielen nach meiner Rückkehr noch nicht meine Leistung auf den Platz gebracht. Leider war ich gleich wieder mit viel Kritik konfrontiert. Es kamen viele negative Fragen und negative Gespräche auf mich zu. Das hat mich schon getroffen. Ich habe mich aber auf mich konzentriert und zum Glück am Ende der Hinrunde noch bewiesen, dass ich der Mannschaft doch noch helfen kann. Bei einem Torjubel wie gegen Mannheim sind die Kameras auf einen gerichtet. Ich wollte dann einfach auch einmal ein kleines Zeichen gegen den ein oder anderen Kritiker setzen.
Du spielst auf die teilweise sehr harte und oft anonyme Kritik in den sozialen Netzwerken an. Wie geht man als Fußballprofi heutzutage mental damit um, wenn diese Negativität über Wochen auf einen einprasselt?
Eigentlich prallt das immer von mir ab. Aber wenn es über mehrere Wochen geht, obwohl man noch nicht einmal auf dem Platz steht, weil man in der Reha ist, dann ist es irgendwann genug. Ich glaube, dass sich Menschen in der Anonymität des Internets zu viel herausnehmen. Sie überlegen oft nicht richtig, was sie damit bei Spielern und den Menschen dahinter anrichten können. Das ist die Realität in diesen sozialen Netzwerken. Ich bin mir sicher: Wenn man sich in einem Vier-Augen-Gespräch gegenüberstehen würde, würde sich die Minderheit trauen, genau das Gleiche ins Gesicht zu sagen. Das ist auch der Hauptgrund, warum ich heute soziale Netzwerke vermeide und zum Beispiel gar kein Instagram mehr habe.
Du hast in Heidenheim Historisches erreicht und bist in die Bundesliga aufgestiegen. In der Aufstiegssaison standest du allerdings nur sechsmal in der Startelf. Wie hält man seine persönliche Trainingsintensität unter einem Trainer wie Frank Schmidt dennoch permanent auf 100 Prozent?
Frank Schmidt ist einfach einer, der jeden einzelnen Tag 100 Prozent von dir haben möchte. Das hat mir extrem viel gegeben und mir auch später, hier in Regensburg, sehr geholfen. Selbst in der Erstligasaison, wo es für mich echt schwierig war und ich wenig gespielt habe, habe ich immer alles gegeben. Frank Schmidt ehrt das. Bei ihm hingen nach jedem Spiel die Laufdaten groß in der Kabine. Er hat immer gesagt: Wer arbeitet, hat es sich verdient, vorne im Sturm zu spielen – egal, ob man direkt die Tore schießt oder nicht. Man muss immer an sich arbeiten, egal wie schwer es gerade ist oder wie gut es läuft. Dieses gemeinsame Arbeiten nach hinten und nach vorne, diese Mentalität, die versuchen wir jetzt auch hier in Regensburg auf den Platz zu bringen.
Du hast dir deinen großen Traum von der Bundesliga durch eine Einwechslung gegen Darmstadt 98 erfüllt und direkt eine Torvorlage zum Sieg beigesteuert. Tröstet dieser eine fast schon magische Moment rückblickend über die vielen Wochen hinweg, in denen du zuvor nicht im Kader standest?
Ganz ehrlich: Ich hatte in dem Spiel gar nicht mehr damit gerechnet, dass ich reinkomme. Als der Athletiktrainer in der 60. Minute rief "Kühli, du kommst rein!", habe ich erstmal gefragt, ob er den falschen Spieler gemeint hat (lacht). In dem Spiel ging es um den Klassenerhalt, es stand 0:0. Dass ich dann in der 90. Minute die Vorlage zum Sieg geben durfte, war natürlich nochmal die Kirsche auf der Torte. Es hat mir unglaublich viel gegeben, nicht nur wegen des Assists, sondern weil sich die Mannschaft fast noch mehr für mich gefreut hat als für den Torschützen. Das hat mir widergespiegelt, dass ich in der Saison doch einiges richtig gemacht habe, auch wenn ich mich oft wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt habe.
Wir müssen noch einmal in das Jahr 2017 zurückspringen. Du hast dir beim FCK II als Anfang 20-Jähriger das Wadenbein gebrochen, dein Vertrag lief aus und dein damaliger Berater hat sich einfach nicht mehr gemeldet. Was macht diese absolute Ungewissheit, ob es mit dem Fußball überhaupt weitergeht, mit einem?
Das war eine enorm schwierige Zeit. Der Vertrag lief aus, der Berater war weg, ich wusste nicht mehr, wie es weitergeht. Zum Glück hatte ich einen anderen Berater, der sich vorher schon für mich interessiert hatte. Als ich aus dem Krankenhaus kam, haben wir uns getroffen. Ich habe ihm damals sogar gesagt, ob er mir nicht eine Ausbildung in der Heimat suchen kann, falls es mit dem Fußball nicht weitergeht. Er meinte nur: "Nein, es geht auf jeden Fall hier weiter, dafür sorgen wir zusammen." Er hat recht behalten, ist bis heute an meiner Seite und wir pflegen eine enge Freundschaft. In diesem Geschäft musst du dich zu 100 Prozent auf solch eine Person verlassen können.
Du hast dich in dieser Verletzungsphase damals sogar bei der Polizei für einen Einstellungstest beworben. Erdet einen diese Erfahrung, dass der Traum vom Profifußball so schnell vorbei sein kann, nachhaltig?
Auf jeden Fall. Ich habe damals bei der Polizei angefragt und die Einstellungstests mitgemacht. Ich wollte einfach gucken, wie es nach der Karriere ist oder wenn es mal nicht weitergeht. Der Verein hat das sogar unterstützt und mir dafür Trainingseinheiten freigegeben. Wenn man heute, besonders nach Niederlagen, sonntags mal gar keine Lust mehr auf Fußball hat, muss man sich immer wieder darüber im Klaren sein: Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Wir dürfen das jeden Tag ausüben, wovon viele andere Leute nur träumen. Man muss dieses Privileg einfach leben, auch wenn es echte schwierige Tage gibt. Das holt einen immer wieder zurück auf den Boden.
Lust auf mehr?
Was Christian Kühlwetter in seiner Jugend beim 1. FC Köln von Lukas Podolski gelernt hat, wie das Vatersein seinen Blick auf bittere Niederlagen verändert hat und wie er eines Tages in Regensburg in Erinnerung bleiben möchte, lest ihr im kompletten, exklusiven Titelinterview der neuen Jahnzeit!















































































































































