Eine echte sportliche Heimat suchte Nassim Boujellab lange Zeit vergeblich. Aus dem Schalker Nachwuchs über Ingolstadt, Helsinki, Bielefeld und Havelse landete der 27-Jährige jetzt beim Jahn. Ein Porträt über einen Profi, der früh in seiner Karriere schon turbulente Zeiten erlebte und in Regensburg seine Qualität und Erfahrung einbringen möchte.
Knappenschmiede in jeder Hinsicht
Wer im Dunstkreis des Ruhrgebiets aufwächst, kommt eigentlich nicht um den Fußball herum. Zu tief ist der Sport in Essen, Dortmund oder Gelsenkirchen verwurzelt, als dass man sich seinem Sog entziehen könnte. Auch für Nassim Boujellab ging es früh los. Mit drei Jahren brachte ihn sein Vater zum Fußball. Seiner Mutter wäre es wohl lieber gewesen, wenn er sich vor allem auf die Schule konzentrieren würde. Der Papa legte aber sehr viel Wert auf den Fußball, weshalb Boujellab auch nie den Spaß daran verlieren sollte. Deshalb wurde der Wechsel in ein Nachwuchsleistungszentrum auch so lange wie möglich verzögert und Boujellab spielte noch bis 16 bei seinem Dorfverein in Iserlohn.
„Bei uns in der Region ist es umso schwieriger, wenn man älter ist. Aber da steckt schon eine Mentalität drin, sich am Ende des Tages durchsetzen zu wollen” Der heute 27-Jährige setzte sich durch und wenn du richtig gut bist, ergibt sich irgendwann nur noch die Wahl zwischen zwei Lagern: Schwarz-gelb – Borussia Dortmund – oder blau-weiß – Schalke 04. Boujellab wechselte nach Gelsenkirchen und schaffte über die Nachwuchsmannschaften den Sprung zu den Profis. In der Schalker Knappenschmiede werden aber nicht nur die Fähigkeiten mit dem Ball gefördert, sondern auch Werte wie Demut, Respekt, Ehrlichkeit und Teamfähigkeit an die Hand gegeben. „Ich habe bis heute noch guten Kontakt zu sehr vielen Menschen dort, weil sie mir sehr geholfen haben, was meine Schritte in der Profikarriere angeht. Da sind sehr viele Menschen dabei, denen ich immer noch sehr dankbar bin.”
Besonders das Schalker Urgestein Norbert Elgert war eine wichtige Bezugsperson für Boujellab: „Ich bin auch hauptsächlich zu Schalke gegangen, wegen Norbert Elgert. Der Mensch gibt dir sehr viel mit, nicht nur fußballerisch, sondern generell bereitet er dich mental darauf vor, was dich im Profibereich erwarten könnte.”
Leider schaffte der gebürtige Hagener seinen Durchbruch in einer Phase, die nicht unbedingt zu den erfolgreichsten der Schalker Historie gehörte. In seiner Debütsaison 2018/19 spielten die Königsblauen gegen den Abstieg in der Bundesliga. Im Jahr darauf brach die Mannschaft vom damaligen Cheftrainer David Wagner in der Rückrunde völlig ein und holte nach der Corona-Pause keinen Sieg mehr, ehe Boujellab als Teil der Mannschaft 2021 letztendlich den Abstieg vor weiterhin leeren Rängen hinnehmen musste.
Finnland und die eigene Familie
Der nötige Tapetenwechsel sollte in Ingolstadt passieren, wo Boujellab aber nur sporadisch zum Einsatz kam. Deshalb folgte im Frühjahr 2022 mit dem Wechsel zum HJK Helsinki der Schritt ins Ausland. „Die Zeit in Finnland war schon anders. Das war schon mental eine größere Herausforderung. Ich bin nicht mit diesem Klima ausgekommen, dass es den ganzen Tag dunkel ist. Meine Frau war zu der Zeit auch nicht die ganze Zeit bei mir. An sich war die Erfahrung, international zu spielen und mal etwas anderes zu sehen, aber gut für mich.” Bei der bislang einzigen Auslandsstation gewann er immerhin die Finnische Meisterschaft und spielte achtmal in der Europa League und bestritt sogar ein Qualifikationsspiel in der Champions League.
Bei der Rückkehr nach Deutschland war der wendige Dribbler nun kein junges Talent mehr, das gerade erst aus dem Nachwuchs hochkam. Auf Schalke war aber kein wirklicher Platz mehr für ihn, weshalb Boujellab nach Bielefeld weiterzog, wo er sowohl die Rückkehr in die 2. Bundesliga als auch den Einzug ins DFB-Pokal-Finale gegen den VfB Stuttgart feiern konnte. Eine Phase, in der sich bei ihm generell viel änderte: „Während der Zeit in Bielefeld kam dann auch mein Kind. Da wurde ich auch erwachsener, auch vom Kopf und allem drum und dran. Das tat mir gut.”
Diese kleine Familie ist auch der Mittelpunkt, wenn Boujellab mal nicht auf dem Platz steht. „Am liebsten verbringe ich die Zeit mit meiner Tochter. Und wenn sie gerade nicht da ist, dann schaue ich Filme und Serien oder gehe ins Café. Ich war jetzt auch schon öfter in der Stadt unterwegs und die Menschen sehr freundlich und sehr herzlich.”
Selbst schießen und die gescheiterte Streamer-Karriere
Um diese freundlichen Menschen auch glücklich zu machen, will Boujellab an seine Leistungen aus der letzten Saison bei Havelse anknüpfen. Auf die Rolle als Spielmacher will er sich dabei nicht beschränken: „Ich war immer ein Spieler, der sehr viel Wert auf Dribblings gelegt hat. Einen auszuspielen, die anderen in Szene zu setzen. Bis ich dann irgendwann gemerkt habe: Du musst auch selber Tore schießen. Ich glaube, in der Hinsicht habe ich mich auch sehr weiterentwickelt und kann dem Jahn jetzt hoffentlich auch Tore bescheren.”
Während seiner Zeit auf Schalke tauchte die neue Nummer 10 beim Jahn auch häufiger in den Streams des YouTubers “Gamerbrother” auf, um sich vom Sport abzulenken. „Für mich war das Abschalten. Es war alles bisschen lockerer. Da kann man auch mal Quatsch erzählen”, beschreibt Boujellab. Das ging aber nur solange gut, bis es sportlich auf Schalke nicht mehr lief und die Internetauftritte ein Dorn im Auge des Vereins wurden. Das große Internet-Comeback kann wohl nach der Karriere erst angegangen werden, auch wenn die Zeit mit der eigenen Familie dafür zu kostbar sein dürfte.



























































































































































































































