Von der Jahnschmiede in den Drittliga-Kader: Jakob Seibold (20) über 300-Kilometer-Fahrten zum Training, den Wandel vom Edeltechniker zum Zweikämpfer und warum er auch den Ansporn hatte für seine Eltern Profi zu werden. Der gebürtige Freyunger verbindet technische Eleganz mit ostbayerischer Bodenständigkeit. Ein Gespräch über Heimat, Härte und den ersten Profivertrag.
Jahnzeit: Jakob, du bist gebürtiger Freyunger. In Ostbayern ist der Begriff „Waidler“ ein Gütesiegel für eine bestimmte Mentalität: ehrlich, kämpferisch, unverwüstlich. Findest du dich darin wieder, oder bist du als technischer Mittelfeldspieler eher der untypische Feingeist?
Jakob Seibold: Ich trage beides in mir. Natürlich bin ich mit dieser bodenständigen Art aufgewachsen. Es ist fest in mir verankert, immer alles zu geben – egal ob auf dem Platz, neben dem Platz oder früher in der Schule, auch wenn die manchmal etwas leiden musste (lacht). Ich versuche, diese Mentalität mit meinem Spielstil zu verbinden. Ich will technisch sauber spielen, aber die Basis ist die Arbeit.
Bevor du Profi wurdest, hast du viele Kilometer auf der Straße verbracht. Erinnerst du dich noch an die Fahrten aus dem Bayerischen Wald zum Training nach Regensburg?
Oh ja. Das war teilweise extrem. Meine Eltern sind in den Sommerferien oft vier- oder fünfmal die Woche die 300 Kilometer hin und zurück gefahren. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen. Ich glaube, sie haben sich am Steuer öfter gedacht: „Was machen wir hier eigentlich?“ Ich hingegen saß hinten und dachte nur: „Jawohl, gleich ist Training.“ Für mich verging die Zeit wie im Flug, ich habe gelernt oder meistens geschlafen. Der Aufwand lag fast komplett bei meinen Eltern.
Gab es nie den Moment, wo du Überzeugungsarbeit leisten musstest? „Mama, Papa, bitte noch eine Saison“?
Nie. Ich musste nie betteln. Sie wussten, wann Training ist und das Auto stand bereit. Da gab es keine Diskussionen. Wir hatten damals Glück, dass mir mein damaliger Trainer Christian Martin sehr entgegenkam. In stressigen Phasen musste ich teilweise nur dreimal kommen und habe eine Einheit zuhause absolviert. Aber der bedingungslose Support meiner Eltern war der Schlüssel.
2020 bist du dann fest in die U15 der Jahnschmiede gewechselt. Wie hart war die Umstellung auf ein Leistungszentrum?
Die größte Umstellung war zunächst das Soziale. Ich habe meine Freunde, die ich mein Leben lang kannte, zurückgelassen und musste mich auf ein neues Umfeld einlassen. Auch sportlich war der Sprung in die Intensität noch gravierend. Der Umfang des Trainings, die körperliche Wucht, daran musste ich mich gewöhnen. Aber ich habe nie Druck verspürt. Fußball war immer meine Leidenschaft, nie eine Last. Ich habe einfach weitergemacht, wie zuvor auch: mit Spaß.
Inzwischen bist du im Profikader angekommen. Kurz vor Weihnachten hast du deinen Vertrag bis 2027 unterschrieben. Wie wurde das im Hause Seibold gefeiert?
Als die Tinte trocken war, war die Freude riesig. Wir haben an Weihnachten definitiv darauf angestoßen (grinst). Es war natürlich ein Meilenstein. Aber mir war sofort wichtig, eine Sache klarzustellen: Das hier ist erst der Anfang. Sich darauf auszuruhen, wäre der völlig falsche Ansatz. Jetzt geht die Arbeit erst richtig los. Ich will mich nicht nur „Profi“ nennen, ich will der Mannschaft helfen.
Du hast in der U21 in der Bayernliga eine starke Quote gehabt – sechs Tore, neun Vorlagen. Wann hast du gemerkt: Die da oben planen wirklich mit mir?
Die ersten Gespräche gab es im September und Oktober. Als das Signal kam: „Jakob, wir trauen dir das zu“, war das für mich der Ansporn, noch mehr Gas zu geben. Ich wollte in der U21 beweisen, dass die Quote kein Zufall ist. Als die Unterschrift im Dezember dann gesetzt war, fiel mir ein riesiger Stein vom Herzen.
Jetzt bremst dich aktuell eine Schulterverletzung aus. Hilft dir der langfristige Vertrag dabei, im Kopf ruhig zu bleiben?
Absolut. Es gibt mir die Gewissheit, dass meine Zukunft nicht in der Schwebe hängt. Ich spüre das volle Vertrauen der Verantwortlichen, auch von Alexander Schmalhofer, der sich oft erkundigt. Das gibt mir in der Reha die nötige Ruhe. Ich muss nichts überstürzen, sondern kann gesund werden, um dann voll anzugreifen.
Lass uns über deinen Spielstil sprechen. Du bist Linksfuß. Man sagt Linksfüßern oft eine gewisse natürliche Eleganz nach. Ist das Klischee oder Realität?
Ich sehe das eher pragmatisch. Mein Papa sagt zwar immer, er schaut mir gerne zu, weil es gut aussieht, aber da spricht wohl eher der Vaterstolz (lacht). Ich spiele nicht Fußball für die B-Note, sondern um wirksam zu sein. Wenn es dabei noch gut aussieht: gerne.
In der Jugend warst du für den „tödlichen Pass“ bekannt. Im Profifußball unter Michael Wimmer sind die Zeitfenster dafür winzig. Wie groß war der Schock im ersten Training?
Das Tempo ist viel höher. In der U19 oder Bayernliga hast du oft noch Zeit für zwei Kontakte. Oben musst du die Situation oft schon mit dem ersten Kontakt lösen. Daran musste ich mich gewöhnen. Mittlerweile habe ich das Tempo adaptiert.
Wimmer fordert intensives Anlaufen und Gegenpressing. Was macht dir heute mehr Spaß: Der Traumpass in die Schnittstelle oder der gewonnene Zweikampf, der zum Tor führt?
Früher hätte ich zu 100 Prozent gesagt: der Traumpass. Aber heute sage ich: der intensive Zweikampf. Das war früher meine Schwäche, ich habe oft zu „zärtlich“ zugepackt. Im Herrenbereich habe ich gelernt, meinen Körper reinzustellen. Wenn du den Ball eroberst und daraus ein Angriff entsteht, gibt mir das heute fast mehr als der Pass selbst. Das macht mich variabler. Ich kann auf der Zehn spielen, aber auch auf der Acht oder Sechs defensive Aufgaben übernehmen.
Du bist 19 Jahre alt. Andere in deinem Alter feiern am Wochenende, du stehst auf dem Platz oder im Kraftraum. Hast du das jemals als Verzicht empfunden?
Eigentlich nie, weil ich generell kein großer Partygänger bin. In der Oberstufe, wenn alle feiern gingen und ich wusste, ich muss morgen früh raus zum Spiel, gab es kurze Momente des Zweifelns. Aber dann habe ich mir immer eines vor Augen geführt: Meine Eltern. Sie haben so viel geopfert, sind tausende Kilometer gefahren. Ich habe keinen Bock auf Training? Gibt es nicht. Das mache ich auch aus Dankbarkeit für sie.
Ist dein Vater auch dein größter Kritiker?
Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Er sagte mir ehrlich, wenn ich schlecht war, aber lobte auch, wenn es gut war. Meine Mama hingegen ist kein Analyse-Fuchs (lacht). Sie freut sich einfach, wenn ich mit zwei gesunden Beinen wieder nach Hause komme.
Was ist dein Ziel, wenn du wieder fit bist? Welche Schlagzeile würdest du in zwei Jahren gerne über dich lesen?
Eine konkrete Schlagzeile habe ich nicht im Kopf. Aber das Ziel ist klar: Ich will so viele Spiele wie möglich für den Jahn machen. Gegen diese Überschrift hätte ich nichts.

















































































































































