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18.08.2014 Auf einen Blick Jahn Resozialisierung mk

Besuch in der JVA Straubing

Der SSV Jahn Regensburg besucht die Justizvollzugsanstalt Straubing.

Am Montag, den 11.08., besuchte der SSV Jahn Regensburg die Justizvollzugsanstalt Straubing. Aus dem Profiteam gehörten Co-Trainer Harry Gfreiter und Stürmer Romas Dressler zu der Delegation. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Initiative „Jahn Sozial: Brücken für Regensburg“ statt und bildete den Auftakt zum neuen Projekt „Jahn Resozialisierung“.

 

Keiner konnte sich zu Beginn des Aufenthaltes in der JVA Straubing von dem beklemmenden Gefühl freimachen, das wohl jeden beschleicht, hinter dem sich die Gefängnistüren schließen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man die Justizvollzugsanstalt als Besucher und in dem sicheren Wissen betritt, sie am Ende des Tages wieder verlassen zu dürfen. Es ist nur schwer vorstellbar wie sich dies als Inhaftierter anfühlen muss, zumal die JVA Straubing ausschließlich Kapitalverbrecher beherbergt. Nur wer eine Gefängnisstrafe ab sechs Jahren aufwärts ausgesprochen bekommt landet dort -und gerät nicht selten in Vergessenheit: „Unsere Erfahrungen zeigen, dass die wenigsten Sozialkontakte länger als zwei Jahre aufrechterhalten werden können. Nach fünf Jahren sind sie in der Regel komplett abgerissen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Gefangenen Anknüpfungspunkte außerhalb des kriminellen Milieus finden, wenn sie die JVA Straubing verlassen“, erzählt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter.

 

Diesen Weg möchte die Einrichtung schon während der Haftzeit bereiten. Neben diversen Weiterbildungsmöglichkeiten und ordentlichen Arbeitsbedingungen, gehört ein vergleichsweise reichhaltiges Angebot zur sinnvollen Freizeitgestaltung zum Programm der JVA Straubing. „Einige unserer Gefangenen spielen in Rockbands und proben regelmäßig. Andere nutzen unser Sportangebot.“ Hierfür hat die Justizvollzugsanstalt zwei hauptamtliche Sportbeamten angestellt, die die Inhaftierten bei der Ausübung der verschiedensten Sportarten betreuen. Das hauseigene Freibad und Kraftsportangebot finden dabei regen Zuspruch. Ganz oben steht jedoch der Fußball, bei dem auch gefängnisinterne Wettkämpfe ausgetragen werden. Nicht überall stößt die Gewährung solcher Annehmlichkeiten auf Verständnis. Dafür möchte Hans Jürgen Ammannsberger, Leiter der Einrichtung, allerdings werben, in dem er regelmäßige Besuche von außen zulässt: „Es ist wichtig, dass die Gesellschaft hinter unsere Mauern blickt. Wir haben hier ja auch nichts zu verbergen. Unsere Besucher aus Politik und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens möchten wir als Multiplikator nutzen um wesentliche Botschaften nach außen zu tragen. Eine davon ist, dass wir Wege finden müssen, um unsere Gefangenen nach Beendigung ihrer Haft wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Dabei kann der Sport helfen.“

 

Die integrativen Kräfte des Sports offenbarten sich bereits während der Gesprächsrunde, die am Beginn des Besuchs der Jahn-Delegation stand. Die anfängliche Zurückhaltung wurde schnell abgelegt, als es um das Thema Fußball ging. Welche Rolle der Fußball in ihrem Leben spielt, wurden sowohl Häftlinge als auch Profis gefragt. Erstaunlich war dabei, wie sehr sich die Antworten trotz der nicht vergleichbaren Lebenssituationen ähnelten: „Der Fußball ist meine Leidenschaft und der Bereich, der in meinem Leben den größten Raum einnimmt. Dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte und in der Lage bin meine Familie davon zu ernähren, ist ein Traum“, sagte etwa Romas Dressler. Für die Gefangenen nimmt das runde Leder eine mindestens genauso große Bedeutung ein. Neben dem Besuch von Verwandten und Freunden, nennen sie ihn durchweg als zentralen Bestandteil in ihrem Leben: „Fußball ist für mich das Größte“, sagt einer. Ein anderer fügt an: „Das Fußballspielen ist für mich der wichtigste Ausgleich und die schönste Ablenkung von der Haft. Sport zu treiben hat mich davon abgehalten, hier komplett abzudriften.“ Und er liefert auch einen Anreiz, um sich an die Regeln zu halten. Denn nur bei entsprechender Führung werden die Inhaftierten zu sportlichen Wettkämpfen zugelassen.

 

Diese finden zum Teil auch gegen externe Mannschaften statt. Die JVA Straubing stellt beispielweise eine erfolgreiche Schachmannschaft und macht dabei überraschend positive Erfahrungen: „Der Umgang mit unseren Gegnern ist in der Regel relativ locker, weil diese inzwischen auch gemerkt haben, dass wir nur Menschen sind, die mit Wasser kochen. Wir sind uns natürlich auch der Verantwortung bewusst. Es ist eine tolle Sache, dass wir am Spielbetrieb teilnehmen dürfen, obwohl wir ja aufgrund der wegfallenden Auswärtsspiele keine Erlöse für unsere Gegner bringen“, berichtet ein Gefangener, der dann aber doch nachdenklich wird, als er gefragt wird ob er glaubt, dass ihm der Sport nach seiner Freilassung die Resozialisierung erleichtern kann: „Ich würde natürlich gerne weiterspielen wenn ich irgendwann rauskomme. Klar ist aber auch, dass wir den Rucksack, den wir durch unsere Gefängnisstrafe mit uns herumtragen nach unserer Entlassung nicht einfach abstreifen. Ich habe schon die Angst, dass man uns draußen dann abweist und nicht mitspielen lässt.“

 

Genau das hofft Hans Jürgen Ammannsberger nicht: „Es ist wichtig, dass unsere Häftlinge nach dem Vollzug die Möglichkeit bekommen sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Im Fußball ist das vielleicht leichter als in anderen Bereichen. Wenn sich ein ehemaliger Gefangener in einem Verein als Aktiver oder ehrenamtlicher Mitarbeiter, beispielsweise als Platzwart einbringen kann, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass wir ihn hier nicht mehr sehen. Und das ist schließlich das oberste Ziel, das wir mit unserer Arbeit verfolgen.“ Vom Besuch des Jahn, der auch von zahlreichen Pressevertretern medial begleitet wurde, verspricht er sich dabei ein positives Beispiel: „Diese Nachricht wollen wir natürlich nach draußen tragen und ein Tag wie heute bietet uns hierfür die Gelegenheit. Ich möchte mich ganz ausdrücklich beim SSV Jahn Regensburg bedanken. Der Verein ist auf eigene Initiative hin auf uns zugekommen und hat den Besuch angeboten. Das ist sicher alles andere als selbstverständlich.“

 

Im Rahmen der Initiative „Jahn Sozial: Brücken für Regensburg“ hat der SSV Jahn in der Vergangenheit einige soziale Projekte unterstützt oder gar selbst angestoßen. Das prominenteste Beispiel hierfür ist die „Bananenflankenliga“, die der Jahn als Partner des „Team Bananenflanke“ begleitet. Bei den verschiedensten Projekten geht es dem SSV dabei stets darum, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben, in dem sich der Verein für Kinder, Behinderte oder sozial Benachteiligte einsetzt. Der Vereinsverantwortliche für den Bereich Soziale Projekte, Johannes Fuchs, hatte sich vor Aufnahme des Projektes „Jahn Resozialisierung“ intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt: „Wenn man sich als Verein sozial engagieren und wirklich etwas bewegen möchte, gehört es auch dazu, dass man unangenehme Themen anstößt und ein Bewusstsein für sie schafft. Die Resozialisierung von Schwerverbrechern gehört ganz sicher zu den Problemen, die in unserer Gesellschaft gerne todgeschwiegen werden. Dabei haben wir alle ein Interesse daran, dass Menschen, die in ihrer Vergangenheit Fehler gemacht haben, nach Verbüßung ihrer Strafe wieder ein rechtschaffenes Leben führen können. Dies ist aber nur möglich, wenn wir sie wieder aufnehmen und nicht an den Rand und damit über kurz oder lang zurück ins kriminelle Milieu drängen.“

 

Harry Gfreiter, den Co-Trainer des SSV Jahn, konnte Johannes Fuchs dabei sofort für den Besuch der JVA gewinnen, wie dieser zu Beginn der Diskussion verriet: „Ich sage euch ganz ehrlich, dass ich mich freue heute hier sein zu dürfen. Ich habe mich direkt freiwillig gemeldet, als es darum ging wer die Aktion mitmacht.“ Dementsprechend offen zeigte sich der Ex-Profi in der Auseinandersetzung mit seinen Gegenübern. Auf Nachfrage berichtete er vom Alltag eines Berufsfußballers und gab einen Einblick in die Jugendförderung des Jahn. Die Neugierde beruhte jedoch auf Gegenseitigkeit, denn umgekehrt wurden auch Fragen nach dem Haftalltag und dem Gefühlsleben der Häftlinge gestellt. Hauptsächlich entwickelte sich jedoch eine angeregte Diskussion über den Fußball, die letztlich aus zeitlichen Gründen abgebrochen werden musste. Schließlich stand im Anschluss daran noch eine Trainingseinheit statt, die von Harry Gfreiter geleitet wurde.

 

Dabei zeigte sich, dass sämtliche Berührungsängste inzwischen abgelegt worden waren. Bei Aufwärmspielchen und Koordinationsübungen scheuchte der Coach seine Schützlinge, wie er dies sonst auch mit Wastl Nachreiner, Oli Hein und Co tut. Die Freude der Trainingsteilnehmer blieb jedoch ungebrochen. Dehnübungen, Kniehebeläufe und Sprints absolvierten sie mit einem breiten Lachen, das auch nicht wich, wenn Harry Gfreiter nach Fehlern Liegestützen einforderte. Letztlich fieberten aber alle auf das große Abschlussspiel hin, bei dem auch die Profis mit von der Partie waren. Der gerade wiedergenesene Romas Dressler stellte sich vorsichtshalber nur ins Tor. Es entwickelte sich eine intensive, aber stets faire Partie, an deren Ende auf beiden Seiten zahlreiche Tore zu Buche standen. Trotz aller Ernsthaftigkeit wurde auf und abseits des Platzes aber auch viel gelacht. Letztlich zeigte sich eindrucksvoll, dass der Fußball Menschen über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg zusammenbringen kann. Dieses Gefühl bestätigte auch Harry Gfreiter in seiner Verabschiedung: „Es war eine tolle Erfahrung für mich, heute hier gewesen zu sein und euch kennengelernt zu haben. Ich wünsche euch allen viel Kraft! Haltet durch, bleibt gesund, dann würde ich mich freuen, wenn wir uns einmal sehen, nachdem ihr rausgekommen seid. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass wir euch hier nochmal besuchen.“

 

Eine Wiederholung der Veranstaltung ist in der Tat durchaus denkbar, zumal alle Beteiligten wertvolle Eindrücke und Denkanstöße daraus gewinnen konnten. Der Umgang mit ehemaligen Strafgefangenen stellt eine Thematik dar, zu der es schwer fällt eindeutige Meinungen zu entwickeln, die man ungeachtet aller Erfahrungen aufrechterhalten kann. Fest steht jedoch, dass eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Resozialisierung“ stattfinden muss. Der SSV Jahn hofft, dass er durch sein Engagement einen kleinen Beitrag hierzu leisten konnte und kann.

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