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19.05.2022 Auf einen Blick Jahnschmiede Fabian Roßmann

Christian Martin hospitierte in Bilbao

Einblicke in Nachwuchsarbeit in Spanien

Jahnschmiede Leiter Christian Martin hat Ende April im Rahmen des neu geschaffenen A+-Trainerlehrgangs, den er aktuell absolviert, eine Auslandshospitation gemacht. Eine Woche lang konnte er beim spanischen Erstligisten Athletic Bilbao bei den Profis sowie im gesamten Jugendapparat des Clubs den Beteiligten über die Schultern schauen und einen guten Einblick in die nachgewiesen fantastische Nachwuchsarbeit des Vereins gewinnen.

 

„Es war eine tolle Möglichkeit, dass ich mit zwei weiteren Teilnehmern des Trainerlehrgangs solche Einblicke in die Arbeit von Athletic erhalten habe“, zieht Christian Martin eine sehr positive Bilanz. Denn Bilbao ist nicht nur irgendein Verein mit irgendeiner Jugendakademie. Der Verein aus dem Baskenland hat es sich seit dem Jahr 1911 auf die Fahne geschrieben, dass nur baskische Spieler – also Spieler, die im Baskenland geboren oder groß geworden sind – für den Verein spielen. Folglich ist die Nachwuchsarbeit für den Verein so wichtig wie wohl nur an ganz wenigen anderen Standorten. Das zeigt sich auch in einem Ranking, das Athletic europaweit anführt. 55,8 Prozent der Spielminuten der ersten Mannschaft wurden zuletzt von sogenannten „local playern“ absolviert, also Spielern, die im Bereich zwischen der U15 und U21 mindestens drei Jahre im eigenen Nachwuchs ausgebildet wurden. Einen solchen Wert hat keine andere europäische Profimannschaft vorzuweisen. Zum Vergleich: der erste deutsche Verein in diesem Ranking ist der FSV Mainz 05 mit 33 Prozent.

 

„Wer mit einem solchen Weg beständig so erfolgreich ist, der muss gerade im Scouting sehr viel richtig machen“, sagt Martin. Athletic ist übrigens neben Real Madrid und dem FC Barcelona der einzige Club in der Premiera Division, der seit deren Gründung ununterbrochen in der höchsten spanischen Liga dabei ist. Beim Baskenland spricht man von rund 2,3 Millionen Einwohnern. Im Bezirk Biskaia, dessen Hauptstadt Bilbao ist und aus dem rund 80 Prozent der Spieler rekrutiert werden, sind es sogar nur 1,152 Millionen Menschen. Beachtlich, dass es die „Löwen“, wie der Verein mit Spitznamen heißt, schafft, konstant Spieler so zu entwickeln, um mit der ersten Mannschaft beständig erfolgreich zu sein.

 

Sachen anders machen

 

Was der Schlüssel zu diesen bemerkenswerten Fakten ist, wurde für Christian Martin in Bilbao schnell ersichtlich. „There’s a pride in being different“ – das ist ein Leitmotiv der Basken. Es ist für sie also mit Stolz verbunden, Sachen anders zu machen als andere Vereine. Und das beginnt eben schon in der Auswahl der Jugendspieler. Hier ist bereits ein erster Faktor die Manpower, die der Verein in die Rekrutierung der Spieler steckt. Zahlreiche Scouts und Trainer sind zum Beispiel immer wieder bei den über 150 Partnervereinen im Training dabei – um die Trainer dort zu entwickeln und um gleich einen Eindruck aus dem Alltag von den Spielern der Vereine aus der Region zu bekommen. Spieler werden zudem bei unterschiedlichen Bedingungen gescoutet, auch das Umfeld eines Spielers wird genau unter die Lupe genommen, bevor er in „Lezama“ kommt. So nennt sich die Jugendakademie in Anlehnung an den kleinen Vorort Bilbaos, an dem die Akademie beheimatet ist. Ist ein Spieler nach diesem Prozess für geeignet befunden worden, bekommt er auch die Zeit zur Entwicklung und der Verein beweist in dieser Hinsicht Geduld.

 

Christian Martin konnte in Bilbao auch viele Trainingseinheiten beobachten und hierbei durchaus Parallelen zur Arbeit in der Jahnschmiede feststellen. So haben die Teams – außer den Profis, der (mit hohem Stellenwert versehenen) zweiten Mannschaft und der Frauenmannschaft – aufgrund der Schule nur abends Training. Die älteren Jahrgänge starten um 17.15 Uhr, die jüngeren um 19 Uhr, Busse bringen die Nachwuchskicker aus der ganzen Region zur Akademie. Drei bis fünf Mal die Woche wird pro Team trainiert“, erklärt Martin.

 

Im Training selbst konnte Martin dann einige Besonderheiten feststellen. „Athletic legt gerade im jüngeren Bereich sehr viel Wert auf die Grundtechnik und die Passqualität“, so Martin. „Man kann sagen: Sie machen die einfachen Sachen richtig gut, sind in Präzision und Qualität der Ausführungen herausragend. Sie machen nichts Spektakuläres, das einfache aber sehr genau und gut. Präzision liegt vor Intensität.“ Zudem hat er eine Grundschnelligkeit bei allen Spielern festgestellt: „Ich habe keinen langsamen Spieler gesehen.“ Martin hat ebenso beeindruckt, wie losgelöst von den Ergebnissen die Teams insbesondere im jüngeren Alter agieren. „Es herrscht grundsätzlich eine andere Haltung bei den Spielern und auch bei den Eltern und Trainern. Es geht nicht nur ums Gewinnen, es geht darum, sich inhaltlich weiterzuentwickeln.“

 

Fokus auf dem eigenen Spiel

 

Einblicke erhielt der Jahnschmiede Leiter auch noch in die Analyse im „Lezama“. So gibt es mehrere Mitarbeiter in der Videoanalyse. Interessant hierbei: Es werden ausschließlich die Szenen der eigenen Mannschaft aufbereitet, keine Gegneranalyse gemacht. „Der Fokus liegt darauf, die eigenen Fähigkeiten zu stärken und die Fehler zu minimieren“, berichtet Christian Martin. In der Analyse wird auch Wert auf Daten gelegt und jeder Spieler hat einmal pro Woche eine Sitzung, in der ihm individuelle Szenen seines Spiels gezeigt werden. Interessant war auch noch die Herangehensweise in der Athletik. So werde darauf kein allzu großer Fokus gelegt. Gerade in den jüngeren Bereichen gebe es wenig Athletiktraining, rund 30 Minuten pro Woche, die ins Training integriert werden. Erst ab der U17 gibt es dann eine zusätzliche Fitnesseinheit pro Woche.

 

Was davon letztlich auch für die Jahnschmiede umsetzbar ist? „In einigen Punkten können wir uns sicherlich an dem auch orientieren, was Athletic seit vielen Jahrzehnten sehr erfolgreich praktiziert. Wir haben dort einige interessante Ansätze gesehen. Andererseits muss man auch immer sehen, was davon man letztlich auch auf die eigenen Strukturen und Möglichkeiten herunterbrechen kann und was für uns und unseren Weg auch sinnvoll bzw. auch mit unseren Ressourcen umsetzbar ist“, so Christian Martin. Alles in allem sei der Austausch und die Erfahrung in Spanien „super und ein großer Erfahrungsgewinn“ gewesen. Und Christian Martin hat einen umfassenden Eindruck bekommen, warum es der Verein seit so langer Zeit erfolgreich schafft, die erste Mannschaft zu einem überwiegenden Teil aus selbst ausgebildeten Spielern zu bestücken.

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