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01.02.2020 Auf einen Blick Jahnschmiede Sara Denndorf

„Sehen uns nicht als Selektionsbetrieb“

Leiter der Jahnschmiede im Interview | Teil II

Die Nachwuchsarbeit der Jahnschmiede bildet das Fundament der sportlichen Zukunft, mit ihr positioniert sich der Jahn nachhaltig als der Ausbildungsclub in Ostbayern. Christian Martin, seit 2016 als Leiter der Jahnschmiede tätig, erklärt im zweiten von insgesamt drei Teilen eines ausführlichen Interviews, welche Schwerpunkte in der Nachwuchsarbeit der Jahnschmiede gelegt werden, wie beim Jahn die Junioren mit der Profiabteilung verzahnt sind und welche Aspekte beim Scouting potenzieller Neuzugänge beachtet werden.

 

Das Trainerteam der Jahn Profis ist in unterschiedlichen Funktionen in die Nachwuchsarbeit der Jahnschmiede eingebunden. Wie genau hat man sich das vorzustellen?

 

Alle Co-Trainer aus dem Profibereich haben eine Aufgabe in der Jahnschmiede: Sebastian Dreier ist als Koordinator des Übergangsbereichs in erster Linie für die Verzahnung im sportlichen Bereich zuständig, also beispielsweise dafür dass immer wieder Nachwuchsspieler bei den Profis mittrainieren. Kristian Barbuscak kümmert sich um die Torhüter, so trainiert auch regelmäßig, tatsächlich nahezu in jeder Einheit, ein U21- oder U19-Keeper bei den Profis mit. Andreas Gehlen gibt in Absprache mit Philipp Paintner, dem Athletik- und Rehatrainer im Nachwuchsbereich, die konzeptionelle und inhaltliche Ausrichtung im Athletikbereich vor. Auch durch den Chef-Trainer Mersad Selimbegovic, der aus dem Nachwuchsbereich kommt und dadurch aus seiner Tätigkeit in den letzten Jahren alle Spieler bereits kennt, ist die Verzahnung sehr eng. So sind beispielsweise an der Kaderplanung der U21 das Trainerteam der Profis und der U21, die Scouts aus dem Profi- und Nachwuchsbereich sowie ich als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beteiligt. Das ist eine sehr enge Zusammenarbeit, bei der sich jeder einbringt. Wir sprechen in erster Linie über Spieler, die bereits bei uns sind, und neue Spieler, bei denen wir noch Potenzial sehen. Das funktioniert sehr gut.

 

Durch das Mentorenprogramm begleiten und unterstützen Spieler des Profikaders jeweils eine bestimmte Mannschaft. Wie kann man sich die Unterstützung der Profis konkret vorstellen? Welche Wirkung erhofft sich der Jahn davon?

 

Die Profis haben für die Nachwuchsspieler eine enorme Vorbildfunktion, deshalb freut es natürlich die Spieler der Jahnschmiede, wenn eine gewisse Verbindung vorhanden ist. Diese Verbindung ist zum einen von Haus aus gegeben, da wir oft Seite an Seite am Kaulbachweg trainieren. Zum anderen verfügt jede Mannschaft über Profipaten, die immer wieder bei Spielen, Trainingseinheiten oder anderen Veranstaltungen dabei sind. Das fördert natürlich die Identifikation mit dem Jahn, da die Jungs die Profis eben persönlich kennen. Umgekehrt macht es auch den Profis Spaß, mit den Nachwuchskickern zu arbeiten und sie zu begleiten. Das ist ein gutes Miteinander – und so soll es auch sein. Wir sehen uns bei allem Leistungsdenken dennoch als normaler Verein und da gehören mannschaftsübergreifende Aktivitäten und ein gutes Miteinander einfach dazu.

 

Inwiefern folgt der SSV Jahn den aktuellen Trends deutscher Nachwuchsleistungszentren und in welchen Aspekten werden in der Jahnschmiede andere Schwerpunkte gesetzt und Werte gelebt?

 

Wir versuchen, unseren eigenen Weg zu gehen. Unsere Idee dahinter beruht darauf, dass wir die Jungs zum einen ein normales Leben abseits des Fußballs und dem Druck, funktionieren zu müssen, leben lassen. Zum anderen wollen wir sie und ihr Elternhaus bestmöglich neben dem Platz unterstützen. Die Eltern betreiben einen sehr großen Aufwand. Wir können ihnen nicht alles abnehmen, versuchen aber dennoch ihnen in bestimmten Bereichen unter die Arme zu greifen. Insgesamt ist es unser Ziel, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Jungs gerne herkommen. Eine reine „Wohlfühlatmosphäre“ soll es dennoch nicht sein, denn wir befinden uns trotz allem in der Ausbildung und wollen die Jungs sowohl fördern als auch fordern. Entscheidend ist, dass jeder gerne herkommt und mit einem Lachen für den Jahn auf dem Platz steht.

 

Die Jahnschmiede liegt mit einer Durchlässigkeit zwischen den Altersstufen von rund 80% im bundesweiten Vergleich sehr weit oben. Warum ist es gerade in der Nachwuchsarbeit wichtig, Spieler auch in sportlich schwierigen Phasen zu halten?

 

Wir versuchen einfach, gemeinsam mit den Spielern einen gewissen Weg zu gehen. Wir tauschen einen Spieler beispielsweise nicht sofort aus, nur weil wir einen anderen Spieler finden, der vielleicht fünf Prozent besser ist. Wir sehen uns nicht als Selektionsbetrieb. Stattdessen scouten wir unsere Spieler mit sehr viel Sorgfalt und nach einem konkreten Plan. Dabei achten wir vor allem auf die Mentalität und Entwicklungsfähigkeit. Wir wählen dabei auch Spieler aus, die nicht zwangsläufig aktuell zu den besten in ihrem Jahrgang gehören, aber die aus unserer Sicht das größte Potenzial für die Zukunft haben. Wenn diese Spieler beim Jahn sind, ist es unsere Pflicht, mit ihnen zu arbeiten und mit ihnen durch das ein oder andere Tal zu gehen. Zudem schicken wir keine Spieler, die langfristig verletzt sind und somit "nicht mehr funktionieren“ direkt weg, sondern wollen ihnen die Chance geben, zurückzukommen. Wenn wir etwas in dem Spieler sehen dann wollen wir den Plan, den wir mit ihm haben, nach Möglichkeit auch durchziehen. Das Entscheidende ist für mich die Mentalität der Spieler, denn dann hat auch die Mannschaft eine gute Mentalität.  Trotz allem herrscht aber natürlich auch bei uns das Leistungsprinzip und wenn eine Entwicklung über einen gewissen Zeitraum nicht in dem Maße läuft, wie wir uns das wünschen, dann ist es nur fair, dies rechtzeitig den Spielern und deren Eltern mitzuteilen.

 

Auf welchen Aspekten liegt der Schwerpunkt beim Scouting potenzieller zukünftiger Spieler für die Jahnschmiede?

 

Im Fußball gibt es vier Leistungsbausteine. Dazu zählt die Mentalität, also psychologische Komponenten wie beispielsweise das Sozialverhalten oder die Willensstärke. Ein weiterer Baustein ist die Physis, also wie schnell, stabil und athletisch ein Spieler ist. Hierbei achten wir auf bestimmte Grundlagen wie das Tempo, aber auch die Handlungsschnelligkeit und Aufnahmefähigkeit. Der dritte Aspekt ist die saubere Technik. Wir suchen Spieler, die kicken können und ein Gefühl für den Ball und das Spiel haben. In diesem Bereich kann man aber auch durch Training große Fortschritte erzielen. Der vierte Punkt ist das Spielverständnis, also wie ein Spieler Situationen erkennt und Lösungen dafür findet.

 

Welche Bedeutung kommt den Eltern zu?

 

Ohne ein Elternhaus, welches das Ganze unterstützt, funktioniert es nicht, denn den Jungs wird auch einiges abverlangt: Sie müssen sich organisieren können, Schule und Sport unter einen Hut bekommen und sowohl zuverlässig als auch beharrlich sein. Für ihre Entwicklung benötigen sie zudem ein leistungsförderndes Umfeld. Dazu zählen die Ernährung, der Tagesablauf, der Schlaf und die Regeneration. Das soll keinesfalls heißen, dass die U11-Spieler schon alles auf Fußball ausrichten sollen, aber die grundlegende Basis muss auch vom Elternhaus her vorhanden sein, sonst ist es nahezu unmöglich, im Fußball weit zu kommen. Deshalb achten wir sehr auf die Charakterzüge der Spieler, aber auch der Eltern. Das ist eine wichtige Komponente.

 

Mit welchem Argument oder gar „Alleinstellungsmerkmal“ kann die Jahnschmiede talentierte Spieler von einem Verbleib beim Jahn oder einem Wechsel zum Jahn überzeugen?

 

Bei uns ist der Weg von unten nach oben sehr gut nachvollziehbar. Jeder Jahnschmiede-Spieler hat eine realistische Chance, seinen Weg zu gehen und von der Profiabteilung gesehen zu werden. Dies ist bei uns sehr transparent und schlichtweg erreichbar. Wir bieten ein leistungsförderndes Umfeld, sodass die Jungs mit Freude dabei sind und sich mit dem Jahn identifizieren. Grundsätzlich muss sich jeder Spieler selbst folgende Fragen stellen: Wo will ich hin? Was will ich erreichen? Kann ich mich mit der Art, Fußball zu spielen, und der Vereinskultur identifizieren? Wenn dies nicht der Fall ist, ist der Spieler nicht der Richtige für den Jahn. Trifft es aber zu, so findet der Spieler sehr gute Bedingungen vor, um sich zu entwickeln.

 

In welchen Bereichen hat die Jahnschmiede verglichen mit anderen Nachwuchsleistungszentren noch Defizite?

 

Vor allem im Hinblick auf die Trainings-Infrastruktur besteht sicherlich noch Bedarf. Wir befinden uns zwar aktuell auf einem Stand, auf dem man schon sehr ordentlich arbeiten kann, dennoch haben wir noch viele Projekte in der Schublade, die wir in den nächsten Jahren angehen wollen. Das zweite wesentliche Entwicklungsfeld, in dem wir aber bereits in den letzten Jahren große Fortschritte  erzielt haben, ist das Personal. Wir wollen nach und nach mehr Hauptamtlichkeit einführen. Angesichts des finanziellen Hintergrunds sind wir auf einem guten Weg, dies auszubauen. Gerade im letzten Jahr haben wir dadurch in vielen Bereichen schon wichtige Schritte gehen und die Qualität in der täglichen sportlichen Arbeit weiter erhöhen können.

 

Im ersten Teil des Interviews blickt Martin auf die Entwicklung der Jahnschmiede und das Abschneiden der einzelnen Junioren-Teams im vergangenen Jahr zurück.

 

Im dritten Teil spricht er über die einheitliche Spielphilosophie in allen Jahn Mannschaften, die Voraussetzungen am Fußball-Standort Ostbayern und die langfristigen Ziele der Jahnschmiede.

Foto: Janne

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